Forum Zukunfts-ENERGIE · Mittwoch, 26. August 2026 · Energiepark Grischa, Chur

Pfad 9 · KI/AI

CSEM — David Schmid · Zühlke — Christoph Bechstein

Runde 2Halle 1. OG45 Minuten

Zwei Häuser, die von KI leben, und beide reden zuerst über deren Grenzen. CSEM legt eine Zahl auf den Tisch, die hinter dem eigenen Versprechen zurückbleibt. Zühlke zeigt, wo KI in einer Kehrichtverbrennungsanlage tatsächlich etwas ändert — und wer dort bisher der wichtigste Mann im Regelkreis war.

CSEM — ein Institut ohne Produkt

David Schmid beschreibt zuerst die eigene Rolle, und sie ist ungewöhnlich: Das CSEM ist eine Schweizer Forschungs- und Technologieorganisation mit rund 650 Mitarbeitenden, einen Standort gibt es auch in Landquart. Es steht zwischen Grundlagenforschung und Verkauf und hat bewusst kein eigenes Produkt — «wir sind keine Marke, die man als Endkunde kennt». Die Aufgabe ist, angewandte Forschung so weit zu bringen, dass andere sie im Markt einsetzen können.

Zwei Projekte führt er vor. Das erste ist eine zuverlässige PV-Prognose, und er begründet sie nicht mit Komfort, sondern mit Systemsicherheit: Wer Energie anbietet, muss wissen, wie viel er in Zukunft haben wird. Als Mahnung nennt er den Beinahe-Blackout vom 22. April 2024 — es muss jederzeit so viel Energie im System sein, wie gebraucht wird. Das zweite ist die Energieoptimierung im Gebäude: ein Mehrfamilienhaus mit 20 Wohnungen, PV auf dem Dach, drei Wärmepumpen. Ziel ist, die Wärmepumpen dann laufen zu lassen, wenn der Strom günstig ist — ohne Komfortverlust.

Und dann die Zahl, die diesen Pfad auszeichnet:

«Ich habe am Anfang gesagt, man kann bis zu 20 % der Kosten einsparen. Wir haben es im Gebäude umgesetzt und haben 11 % erreicht. Also: Ziel noch nicht erreicht.»David Schmid, CSEM

Der nächste Schritt führt vom einzelnen Gebäude auf Quartiere und Gemeinden. Alles, was Energie im System hält, wird dabei als Batterie betrachtet — er nennt als Beispiel ein Start-up, das Abwärme aus Tiefgaragen und Tunneln direkt in Strom wandelt.

Der Elefant im Raum, benannt von dem, der davon lebt

«KI und Rechenzentren brauchen enorm viel Energie. Und wir nutzen diese energiehungrige KI, um etwas Energie zu sparen — macht das überhaupt Sinn? Ja, aber nur wenn man die ganze Rechnung macht und KI effizienter wird.»David Schmid, CSEM

Dazu sein zweiter Punkt, der dieselbe Nüchternheit hat: «Wenn wir als Forschungsinstitut nur Forschung machen und sagen, wir haben ein Paper publiziert und wir sind super, dann bringt das nichts. Es bringt erst etwas, wenn jemand es wirklich in der Industrie oder in einem Produkt nutzt.»

Zühlke — der Kranführer im Regelkreis

Christoph Bechstein ordnet KI in vier Anwendungsfälle, die in seinen Beispielen ineinandergreifen: die Umgebung wahrnehmen, sie verstehen, aus Daten Vorhersagen ableiten, und Aktoren selbständig handeln lassen.

Sein Hauptbeispiel ist eine Kehrichtverbrennungsanlage, und das Problem daran ist der Brennstoff selbst: Abfall ist heterogen. Kommt viel Grünzeug, sinkt die Temperatur, die Verbrennung wird unsauberer, es entsteht weniger Wärme. Gewollt ist das Gegenteil — konstante Wärme und damit konstante Stromproduktion.

«In der Vergangenheit war der Kranführer der wichtigste Mann im Regelkreis. Er musste auswählen, welche Müllsäcke jetzt in die Anlage eingeschickt werden.»Christoph Bechstein, Zühlke

Ein Nebenbefund hat Gewicht weit über die Anlage hinaus: Der Heizwert von Abfall ist über die Jahrzehnte stark gestiegen — es wird immer mehr Plastik verbrannt — und er schwankt zugleich stark. Für eine Anlage, die konstant und rückstandsarm laufen soll, ist beides ungünstig. Das Ergebnis der Regelung: höhere Verbrennungstemperatur und gleichmässigere Verbrennung, und damit die Grundlage für die nächste Automatisierungsstufe. Sein zweites Beispiel ist ein «Co-Pilot für die Störungssuche» — für grosse Anlagen aller Art, von der Kehrichtverbrennung über Kraftwerke bis zur industriellen Produktion.

Was die beiden auf die Schlussfragen antworten

Auf die Frage, was ein Betreiber ab morgen anders machen soll, antwortet Bechstein:

«Es ist sehr wichtig, sich zu überlegen, was man am Ende erreichen kann — was ist realistisch. Und das gleich in Prototypen und Pilotprojekten testen. Klein anfangen, aber die grosse Industrialisierung schon im Hinterkopf haben.»Christoph Bechstein, Zühlke

Und auf die Frage, was sie hier und heute zusagen, gibt David Schmid die einzige Antwort des ganzen Forums, die eine Hebelwirkung statt einer eigenen Absicht benennt: Das CSEM stehe zum Commitment mit Kanton und Bund, CO2-neutral zu werden — der Schwerpunkt liege aber nicht auf dem eigenen Unternehmen, sondern auf der Technologie. «Wenn wir PV-Technologie und Algorithmen entwickeln, die mehrere Unternehmen einsetzen können, dann werden nicht nur wir CO2-neutral, sondern alle, die sie einsetzen.»

Was der Pfad zeigt

Er schliesst den Kreis zum Pfad E-Effizienz: Dort misst Andreas Boller, was nutzlos verbrannt wird; hier rechnen CSEM und Zühlke aus, wann etwas laufen soll. Beide kommen zum selben Schluss — die Technik ist nicht das Nadelöhr. Bei Boller ist es die Organisation, hier die Umsetzung in ein Produkt.

Aus der Session

Vortragender vor der Folie «Was KI kann — vier Grundfähigkeiten: Perceive & Understand, Automate & Act, Decide & Predict»
Vier Grundfähigkeiten. Wahrnehmen, verstehen, vorhersagen, handeln — die Ordnung, in der die Beispiele des Nachmittags ineinandergriffen.
Vortragender vor einem Bildschirm mit den Schlagzeilen zum drohenden Blackout vom 22. April und einer Übersicht zu Solarprognosen
Warum die Prognose zählt. Auf dem Bildschirm die Schlagzeile zum Beinahe-Blackout vom 22. April 2024 — es muss jederzeit so viel Energie im System sein, wie gebraucht wird.
Der Film vom Tag — neun Minuten, gedreht vom Multimedia-Team der Fachhochschule Graubünden: zukunfts-energie.ch/film. Er liegt auf unserem eigenen Server in der Schweiz: kein YouTube, kein Tracking, keine Cookies.

Was daraus folgt

Diese Seite ist die erste von zwei Schichten. Sie hält fest, was gesagt wurde. Die zweite hält fest, was die Leute daraufhin tun — der Handschlag von Chur: konkrete Zusagen, namentlich, im eigenen Wort. Nicht feierlich unterschrieben, sondern unter Gleichen gegeben. Im August 2027 fragen wir nach, was daraus geworden ist.

34 Menschen haben am 26. August unterschrieben. Von acht wissen wir, was sie sich vorgenommen haben — die übrigen Zusagen stehen als Name da, ohne Satz. Wenn du an diesem Nachmittag etwas zugesagt hast und es dort stehen sehen möchtest, genügt eine Zeile. Wer nichts zugesagt hat, kann es nachtragen.

Die anderen acht Pfade

Drei Runden, neun Pfade — wer dabei war, hat höchstens drei davon gesehen. Deshalb entsteht zu jedem eine Seite wie diese. Sie erscheinen nacheinander:

Dazu der Abend im selben Raum — neun Pitches, die Keynote und die Diskussion: Der Abend.

Das nächste Forum: Mittwoch, 25. August 2027, wieder im Energiepark Grischa. Vormerken → — das verpflichtet zu nichts.

Dokumentation aus den Aufnahmen des Tages · Regie Alicia Gregorini · Forum Zukunfts-ENERGIE · Russi Energy Foundation · Energiepark Grischa